Visions, Glances and No Directions. Drei Annäherungen an Bob Dylan

Oktober 15, 2016 3 Kommentare

“Nobody ever figures out what life is all about, and it doesn’t matter.”

Richard Feynman

Die Verleihung des Nobelpreises für Literatur und sein tagelanges Schweigen dazu haben Bob Dylans geheimnisvolle Präsenz in der globalen Kultur nach den fast gelangweilten Feierlichkeiten zu seinem 75. Geburtstag erneut in den Blick gerückt. Die Faszination, die seine Musik bis heute ausübt hat viel mit seiner erratischen Haltung zu tun keine wie auch immer gearteten Interpretationen seiner selbst und seines Werks als öffentlich zur Schau gestellte Pose zuzulassen. Er führt seine Musik in immer neuen Varianten auf, erklärt sie aber nicht. Und gewinnt er den Nobelpreis nimmt er am nächsten Tag auf einer Konzertbühne in Las Vegas mit keinem Wort Bezug darauf, als würde es ihn nicht weiter berühren, wenn die Welt da draußen sich wieder einmal mit ihm beschäftigt. Gehörte es bis in die frühen 80er noch zu seinen Gepflogenheiten bei Konzerten die Haltung eines preacherman einzunehmen, der seinen religiösen Überzeugungen breiten Raum gab, sind Dylan Konzerte seit mindestens 25 Jahren, wenn nicht länger, Ereignisse ohne Interaktion mit dem Publikum.

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Neil Young auf Burg Clam am 23. Juli 2016

Juli 24, 2016 1 Kommentar

Große Erwartungen werden sehr oft enttäuscht, diesmal wurden sie mehr als übertroffen.

Nach einer anstrengenden Fahrt, langen Wartezeiten in der Schlange vor dem Einlass und einer noch längeren nicht enden wollenden Geduldsprobe bis zum Beginn der Show, kam Neil Young kurz vor 20:30 endlich auf die Bühne, entspannt und mit einem „EARTH“ T-Shirt und fing einfach an.

Auf dem Piano spielte er „After the Gold Rush“, und nach wenigen Sekunden waren alle Zweifel verflogen und der Abend versprach (und hielt) Großartiges. (Die komplette Setlist findet sich hier.) Neils Stimme war klar und kraftvoll, der Sound über jeden Zweifel erhaben, seine Präsenz auf der Bühne machtvoll und gut gelaunt.

Nach „Heart of Gold“ und „The Needle and the Damage done” kam seine neue Band auf die Bühne, die “Promise of the Real” heißt und bis auf den Perkussionisten alle seine Enkel hätten sein können. Die jungen Burschen Mitte 20, darunter zwei Söhne von Folk Legende Willie Nelson, unterstützen Neils Sound mit einer Begeisterung und Energie,  die den mittlerweile 71–Jährigen um Jahrzehnte jünger wirken ließ. Unser persönlicher Höhepunkt war zweifelsohne „Love to burn“, ein knapp 20 Minuten langes Stromgitarren Orkangewitter, das Neil Youngs großartige Gitarrenbehandlung demonstrierte und mit Macht in Erinnerung rief, dass Rock’n’Roll wirklich niemals sterben wird, wenn es Leute wie ihn gibt.

Wir wünschen viel Vergnügen:



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Der Aufstand der Idioten. Post Brexit Splitter und andere Populismen

Juli 14, 2016 2 Kommentare

You’re an idiot, babe
It’s a wonder that you still know how to breathe…”

(Bob Dylan, Idiot Wind)

 

Die knappe Mehrheit für den Austritt aus der EU, die bei einem Referendum im Vereinigten Königreich Großbritannien Ende Juni 2016 erhoben wurde, hat Schockwellen auf Börsenmärkten und in den Kanzleien politischer Führungen auf der ganzen Welt ausgelöst. Obwohl niemand seine demokratiepolitische Legitimität bestreiten kann ist doch höchst fragwürdig wie das Ergebnis zustande kam. Die Slogans und Daten, die von den Betreibern der „Leave“ Kampagne ins Treffen geführt wurde sind entweder falsch, frei erfunden oder beruhen auf Übertreibungen und werden nicht einmal von den Befürwortern des „Leave“ selbst ernst genommen. Dominc Cummings, der Kampagnenleiter der „Leave“ Kampagne antwortete auf entsprechende Vorwürfe, dass die Fakten und Statistiken seines politischen Camps schlicht unwahr seien mit dem entwaffnenden Satz: „Accuracy is for snake oil pussies!“ (Übersetzung: Genauigkeit interessiert uns schlicht und ergreifend nicht.)

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Die Livingston Formel

Von heimischen Medien bis auf wenige Ausnahmen unbeachtet, hat sich die in Opposition befindliche Labour Party Großbritanniens gerade an den Rand des politischen Bankrotts geredet.

Der ehemalige Bürgermeister von London und Politpensionär Ken Livingston, der bis vor kurzem immer noch im Executive Board der Partei saß und nun ausgeschlossen wurde, gab in einem Interview zu Protokoll: „When Hitler won his election in 1932, his policy then was that Jews should be moved to Israel. He was supporting Zionism before he went mad and ended up killing six million Jews.“ Dass Hitlers NSDAP keineswegs die Wahlen von 1932 gewonnen hat ist nur ein Detail, das uns vorerst nicht zu kümmern braucht. Auch Livingstons Auffassung von Hitlers Geisteszustand, nämlich dass es einen gab, „before he went mad“ ist nicht unser Thema. Der für uns relevante Hintergrund dieser Aussage ist eine Welle von Ausschlüssen aus der Labour Party, bei der Funktionäre und Mitglieder auf ihren Facebook und Twitter Accounts oder anderen sozialen Medien durch haarsträubende antisemitische Aussagen aufgefallen waren.

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Kategorien:Allgemein

Der postmoderne Systemabsturz. Über die „Critical Whiteness“ und ihre Folgen

März 2, 2016 2 Kommentare

The camouflaged parrot he flutters from fear
When something he doesn’t know about suddenly appears
What cannot be imitated perfect must die…

Bob Dylan, Farewell Angelina

 

Was man heutzutage Postmoderne nennt ist eine Haltung zur Welt, die ausschließlich Narrative sieht. Wissenschaft, Kultur oder Politik bestehen zur Gänze aus sprachlichen Operationen, die in Macht und Gegenmacht Konfigurationen politische Master Narrative durch zu setzen versuchen. Das gilt für irgendeinen körperpolitischen Rassismus, der höhere und niedere Rassen behauptet ebenso wie für wissenschaftliche Modelle vom Universum. Alles ist endlose Relativität, in der jede Äußerung neben der anderen steht und vorgeblich nichts existiert, was sich außerhalb befände und damit Sinn und Deutungshoheit beanspruchen könnte. Es gibt keine Äußerung, kein Zeichen und keine politische Form, die nicht in irgendeiner Art und Weise als ein um Macht zentriertes Spiel erscheint, aber in dem es paradoxerweise trotzdem Absoluta gibt: Alles ist Politik und steht im Zeichen einer Macht, die Unterdrücker und Unterdrückte als Subjekte produziert. Dass man die Selbstbeschreibungen derer die sich als Unterdrückte sehen oder als vom Kolonialismus und Imperialismus Subjektivierte ebenfalls bloß als Narrative betrachten kann, denen Deutungshoheit ebenso wenig zukommt wie die deren angebliche oder tatsächliche Deutungshoheit man bekämpft scheint dabei aus dem Blick zu geraten.

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Kategorien:Culture and War

Synecdoche, New York

Auf der Website der Filmgazette ist meine Besprechung des Charlie Kaufman Films „Synecdoche, New York“ erschienen:

Synecdoche, New York

 

 

 

 

 

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Spiel mir das Ende vom Lied. Über Quentin Tarantinos neuen Film “The Hateful Eight”

Dieser Text enthält Spoiler.

Es ist gut möglich, dass spätere Generationen diesen Film als bedeutenden Beitrag zur Kinogeschichte und raffinierten politischen Kommentar betrachten werden, aber heute, im Jahr 2016, scheint Tarantinos „The Hateful Eight“ ein weiterer missglückter Film des kalifornischen Regisseurs zu sein. Als Zuschauer wird man von Tarantino mit vielen Fragen allein gelassen, erst nach längerem Nachdenken und genauerer Analyse kann man in Umrissen ausmachen, worum es eigentlich geht. Wie schon in seinen beiden letzten Filmen, „Inglorious Bastards“ und „Django Unchained“ lässt Tarantino sein Publikum mit den formalen Brüchen in der Erzählweise und den Arthouse Spielereien in Sachen Dramatik und Handlungsaufbau oft ratlos zurück. Eine User Kritik auf IMDB nennt den Film „seelenlos“, und beklagt, dass Tarantino ein 70mm Panavision Format benutzt, obwohl der größte Teil der Handlung in einem einzigen überschaubaren Raum spielt. Kein schlechter Einwand wie ich meine.

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Kategorien:Culture and War

The Great Terror. Anmerkungen zum Stalinismus anlässlich des Ablebens von Robert Conquest.

August 6, 2015 2 Kommentare

„The absolutely certain way for a defendant to get himself shot was to refuse to plead guilty.”

Robert Conquest, The Great Terror

„In 1997, during an interview with Le Monde, Robert Conquest was asked whether he found the Holocaust ‘worse’ than the Stalinist crimes, he answered: ‘Yes, I did!’, but when the interviewer asked why, he could only answer honestly with ‚I feel so‘. Conquest, anti – Sovietchik number one, feels so. Nabokov, the dispossessed noble, felt so. We feel so. When you read about the war, about the siege of Leningrad – when you read about Stalingrad, about Kursk – your body tells you whose side you are on. You feel so. In attempting to answer the question why, one enters an area saturated with qualms.“

Martin Amis, Koba the Dread

Am 3. August 2015 ist der britisch-amerikanische Historiker, Dichter und Schriftsteller Robert Conquest im Alter von 98 Jahren in seiner Wahlheimat Kalifornien verstorben. Wie der Telegraph in seinem Nachruf schreibt, verkörperte Conquest wie niemand sonst, dass „ es keinen entschlosseneren Antikommunisten als einen Ex-Kommunisten geben kann.“

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Kategorien:History, Past, Presence

Francis Fukuyama, die Zukunft der Geschichte und das Ende der Linken

Januar 5, 2015 2 Kommentare

„We live in a political world
Under the microscope
You can travel anywhere and hang yourself there
You always got more than enough rope. “

Bob Dylan, Political World

 

„We got a thousand points of light
For the homeless man
We got a kinder, gentler,
Machine gun hand
We got department stores
and toilet paper
Got styrofoam boxes
for the ozone layer
Got a man of the people,
says keep hope alive
Got fuel to burn,
got roads to drive.

Keep on rockin‘ in the free world,
Keep on rockin‘ in the free world
Keep on rockin‘ in the free world,
Keep on rockin‘ in the free world. “

Neil Young, Rockin‘ in the Free World

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Kategorien:Allgemein

Der humanistische Antisemitismus des Jostein Gaarder

Januar 2, 2015 5 Kommentare

 

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern,
sing’ nicht ihre Lieder.“

Franz Josef Degenhardt, Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

 

„I heard of two generations being murdered
In a Europe that was shrouded in black
I witnessed the birth pains of new nations
When the chosen people finally went back.“

The Stranglers, North Winds

 

„Wer dem Planeten und damit der gesamten Menschheit durch das Verbrennen von Öl, Kohle und Gas Schaden zugefügt hatte, war dafür endlich zur Verantwortung gezogen worden.“

Jostein Gaarder, 2084 – Noras Welt

 

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Kategorien:Common Interest