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The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (1)
Bob Dylans 1983 erschienenes Album „Infidels“ hat auch unter sehr ergebenen Dylanfans keine allzu großen Spuren hinterlassen. Seine wichtigsten Momente in Dylans Schaffen drehen sich mehr darum, warum er „Blind Willie McTell“ nicht auf „Infidels“ veröffentlichte, sondern es vorzog den Song mehr als ein Jahrzehnt später im Rahmen der Bootleg-Series einem größeren Publikum zugänglich zu machen.
Dylans religiös evangelikale Phase war gerade langsam zu Ende gegangen und sein überragender musikalischer Einfluss begann in den Wellen des Postpunks, des Synthiepops und der sich in Entwicklung befindenden HipHop Kultur merklich abzunehmen. Dylan verabschiedete sich seit dem Erscheinen von „Infidels“ immer weiter von den musikalischen Einflüssen seiner Zeit und konzentrierte sich darauf in seinen Songs die ihm eigene Mischung aus poetischer Kraft und mysteriöser sprachlicher Ambiguität zu produzieren.
The Meaning of the Gang Starr
„I can’t work at no fast-food joint
I got some talent,…“
Gang Starr, Code of the Streets
„…a greater type of thought,
brought by the things that I’ve been taught…“
Gang Starr, The Meaning of the Name
Mit gerade einmal 43 Jahren verstarb gestern am 20. April 2010 der HipHop Pionier Keith Elam alias The Guru, MC und Mastermind von Gang Starr und Jazzmatazz. Gemeinsam mit seinem genialen Partner DJ Premier produzierte er als Gang Starr 6 Alben und formte ganz wesentlich das musikalische Anlitz von HipHop seit den späten 80ern mit. In einer Abschiedsnotiz verbat er sich allerdings jede Teilnahme von DJ Premier an Gedenk und Erinnerungsprojekten. Warum er sich von seinem kongenialen Partner so stark entfremdet hat, bleibt vorerst unklar. Premier hat künstlerisch ebenso viel Anteil am unverwechselbaren Gang Starr Sound wie Guru selbst, aber dieses Zerwürfnis ist in der Geschichte großer Bands und künstlerischer Unionen keineswegs ein Einzelfall. Ein Beispiel für Gang Starrs großartige Kunst ist dieses Video aus dem 1994er Album „Hard to Earn“, „Code of the Streets“.
Europa, Islam und Islamophobie, Teil 3
Das Beispiel von Fethullah Gülen bestätigt uns, dass es eine immanente Krise des islamischen Denkens gibt, die sich darin zeigt, keine intellektuellen Mittel zu haben, das Eigene und das Andere analytisch zu durchdringen. Wo Differenz gefragt ist, regiert ein Zwang zur Vereinheitlichung, der das Denkgebäude gewaltsam zusammen hält und keinen Spielraum für philosophische und politische Erneuerung zulässt. Wenn Fethullah Gülen, aber auch andere Autoren islamischen Schrifttums, ihr Verhältnis zur modernen Wissenschaft definieren müssen, dann erzeugen sie keinesfalls Widersprüche. Moderne Wissenschaft, Demokratie und Menschenrechte sind wie schon angedeutet ganz sicher nicht inkompatibel zum Islam, ganz im Gegenteil. Die islamische Tradition muss stattdessen erklären und ideologisch absichern, dass moderne Wissenschaftskultur oder die Menschenrechte islamisches Eigentum darstellen und die Entdeckungen westlicher Wissenschaft nur die empirische Bestätigung der koranischen Offenbarung sind. Die Probleme sie sich daraus ergeben sind ausschließlich politischer Natur. Warum es nur so möglich ist zu vermeiden, den anderen (in diesem Fall eben die europäische Geschichte) als anderen wahrzunehmen, ist eine Frage, die sich darum diesem Denken nicht stellt. Das Studium eines Autors wie Tariq Ramadan, der in Europa weitaus bekannter und populärer ist, würde uns kein prinzipiell anderes Bild zeigen. Die Krise ist daher eher ein philosophisches Problem, als ein religiöses.
Europa, Islam und Islamophobie, Teil 2
Im ersten Teil dieses Essays habe ich mich vor allem mit den historischen Bedingungen beschäftigt, die den komplizierten Diskursen um die Rolle des Islam in der europäischen Gesellschaft vorausgehen. Wie wir gesehen haben, ist die Beschäftigung mit den historischen Tatsachen vor allem deshalb notwendig, weil sie deutlich macht, dass der Dialog, der mehr propagiert wird als er tatsächlich stattfindet, von so unterschiedlichen Prämissen ausgeht, dass es kaum Berührungen geben kann, die nicht unmittelbar zu Missverständnissen führen.
Europa, Islam und Islamophobie, Teil 1
Seit Edward Said 1978 seine große Studie über den „Orientalismus“ veröffentlichte, gibt es eine große Diskussion über die Wahrnehmung des Islam in Europa. Eine seltener gestellte Frage ist, wie die Bewohner der muslimischen Welt eigentlich den „Westen“ sehen, und welche Rolle diese Wahrnehmung in ihrer Geschichte gespielt hat. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk von Bernard Lewis fördert dazu überraschende Aspekte zutage.
Der britische Historiker Bernard Lewis gehört zu den kompetentesten Nahostexperten und der Geschichte des Islam. Außerdem hat er das Verhältnis zwischen islamischer und europäisch/westlicher Kultur wie kein zweiter sorgfältig studiert. Seine Texte sind einerseits von einer sehr akribischen Kenntnis der Quellen geprägt, von einer spürbaren Sympathie für seinen Gegenstand durchdrungen und zeichnen sich doch durch eine sorgfältige intellektuelle Distanz aus. In einer neueren Veröffentlichung aus dem Jahre 2002 „What went wrong“ geht er der Frage nach, warum die islamische Welt ihren einstigen Glanz und jene Bedeutung verloren hat, die sie zumindest in den Augen der muslimischen Bevölkerungen des Nahen und Mittleren Ostens für lange Zeit inne hatte.
Wie man dabei ist, aber nicht mitmacht: Eine Art Programm
Voll Hunger und voll Brot ist diese Erde
Voll Leben und voll Tod ist diese Erde
In Armut und in Reichtum grenzenlos.
Gesegnet und verdammt ist diese Erde
Von Schönheit hell umflammt ist diese Erde
Und ihre Zukunft ist herrlich und groß.Jura Soyfer, Lied von der Erde
Die Kunst dabei zu sein ohne mit zu machen ist der vorläufige Arbeitstitel eines Projekts das sich mit ethischen Fragen befasst, die nicht auf einer moralphilosophischen Problematik beruhen. Ethik, darunter verstehe ich die Frage nach dem richtigen Handeln, aber nicht in Form eines „Du sollst “, sondern eines „Was ist möglich?“. Philosophie wie ich sie verstehe muss sich heutzutage mit den Grenzen der naturwissenschaftlichen Disziplinen beschäftigen, mit Biologie, Evolution, Informatik, Physik, Chemie und all ihren Verwandten und interdisziplinären Mischehen. Der normative Diskurs naiver religiöser Fragen wie „Wer bin ich?“, „Wohin gehe ich?“ etc gehören einer Vergangenheit an, der wir zwar nichts weniger als die humanistische Erziehung verdanken, aber auch nicht mehr als einen Katalog von Tugenden, an die sich kaum jemand gehalten hat, als es darauf ankam. Die Kunst dabei zu sein ohne mitzumachen ist daher eine Perspektive, die sich am besten mit der des Kartographen oder nautischen Navigators vergleichen lässt.
Man kann auch sagen, dass es darum geht einen Blick zu haben, der die Welt von außen oder von ganz weit weg beobachtet.