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Edward Said und die Saidisten
Eine Rezension von Ibn Warraqs „DEFENDING THE WEST. A Critique of Edward Said’s Orientalism“ (Prometheus Books, 2007) und “VIRGINS? WHAT VIRGINS? And Other Essays” (Prometheus Books, 2010).
Als ich etwa 10 Jahre alt war fiel mir aus der Bibliothek meines Vaters ein Buch in die Hände, das sofort mein Interesse weckte: Karl Heinz Deschners „Kirche des Un-Heils. Argumente um Konsequenzen zu ziehen“, eine 1974 erstmals erschienene Aufsatzsammlung, die meiner naiven Religiosität ein rasches Ende setzte und mir zudem äußerst hilfreiche Munition verschaffte, meine Umgebung mit antiklerikalen Diskussionsangeboten zu nerven.
In fünf kompakten Essays lieferte Deschner einen Querschnitt seiner Arbeit rund um die Geschichte der christlichen Kirchen, ihr Verhältnis zu Krieg, Sexualität und Faschismus, den Opportunismus der Theologen, die Komplizenschaft mit dem Antisemitismus oder die Finanzgebarung vatikanischer Politik. Die intime Kenntnis der christlichen Theologie und ihrer bis in die Antike zurück reichenden Quellen machte Deschner für seine Feinde und Gegner praktisch unangreifbar, weil er jedes Argument mehrfach historisch belegen konnte.
Slavoj Žižek und die Ideologie des Avatars
„Die Ideologie ist eine »Vorstellung« des imaginären Verhältnisses der Individuen zu ihren realen Existenzbedingungen.“
Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsapparate
Der slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Žižek, der sich als Lacaninterpret seinen Namen gemacht hat, veröffentlichte im April dieses Jahres im Onlinemagazin In These Times einen Beitrag in dem er den Oscargewinner „The Hurt Locker“ einer kritischen Betrachtung unterzog und mit James Camerons „Avatar“ verglich. Der Text erschien deutsch auf der Plattform www.antikrieg.com, dem Ableger der englischsprachigen Website www.antiwar.com, die sich in ihrer Selbstbeschreibung als Zusammenschluss und Medium von „libertarians, pacifists, leftists, ‚greens‘,and independents alike, as well as many on the Right who agree with our opposition to imperialism“ versteht.
Lob der Zionisten
He took the crumbs of the world and he turned it into wealth
Took sickness and disease and he turned it into health
Bob Dylan, Neighborhood Bully
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Als der kleine Rabbi aus der Neturei Karta* davon sprach
Dass es das Los der Juden sein sollte unter fremder
Herrschaft zu leben, der Thora folgend, damit auch
Kein Verbrennungsofen unausgelastet bleiben möge,
Applaudierten die Anwesenden und lachten.
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Als die Zionisten aufhörten dem Thora Gläubigen
Beachtung zu schenken um stattdessen die Waffen
In die Hand zu nehmen, und die Werkzeuge auf die
Wagen zu laden, statt eines Gottes ihrem Verstand
Vertrauend, da hörten die Anwesenden auf zu lachen.
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Die Zionisten nahmen das Land und führten Kriege,
Bauten Kanäle, Straßen, Leitungen und einen Staat
Dem Hass begegnen sie pragmatisch, ihren Feinden
Mit überlegener Feuerkraft: Und weil Israel weiter
Existieren wird, lachen seine Feinde nicht mehr.
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* Die Neturai Karta („Hüter der Stadt“) ist eine extremistische jüdisch-orthodoxe Sekte, die einen israelischen Staat und den Zionismus prinzipiell ablehnt. Der „kleine Rabbi“ ist Moishe Friedmann, ein Wiener Vertreter dieser Gruppe, der bei anti zionistischen Demonstrationen mit der AIK und arabischen Aktivisten auftritt. International berühmt wurde er jedoch, als er sich bei einer Holocaust Leugner Konferenz in Teheran mit Ahmedinejad ablichten ließ und dort zwischen Holocaustleugnern aller Art die Opferzahl der Shoah auf 1 Mio reduzierte. Trotz der Tatsache, dass Gastgeber und Teilnehmer die Realität der Shoah überhaupt bestreiten, wurde sein Vortrag begeistert beklatscht. Friedmann hielt bei einer Rabbinerkonferenz 2004 (hier veröffentlicht auf der Website der österreichischen palästinensischen Gemeinde) einen Vortrag, in dem er seine eigene Version lieferte, warum die Juden am Holocaust selber schuld sind, und nur sein Thora Gläubiges Judentum Anspruch darauf hat, das Judentum zu repräsentieren. Obwohl die Neturai Karta eine isolierte Splittergruppe darstellt, wird ihre Bedeutung für den islamisch inspirierten Antisemitismus sträflich unterschätzt. Friedmann und seine Kumpane liefern einen religiös motivierten Antizionismus, der gläubigen Muslimen eine Alternative zu einem nazistischen Rassenantisemitismus bietet und als jüdische Kronzeugenregelung wesentlich besser vermarktbar ist. Ich werde demnächst mehr dazu schreiben.
Stop being a color – Verspätete Grußformel anlässlich des 1. Todestages von Michael Jackson
„I‘m not going to spend
My life being a color.“
Michael Jackson, Black Or White (Dangerous, 1991)
Als Michael Jackson gestorben ist habe ich ehrlich getrauert. Für mich war er ein Idol seit meiner Kindheit. Es war nicht immer leicht ein bedingungsloser Fan zu sein, aber selbst als er nur noch mit Skandalen und schlechter Presse in die Nachrichten gelangte, bestand mein erster Impuls immer darin, für ihn Partei zu ergreifen. Es wird vielen anderen auch so gegangen sein, aber für die Mehrheit war MJ eine Witzfigur, jemand über den man dumme und geschmacklose Scherze machen konnte. Aber mehr noch war MJ eine Hassfigur für Intellektuelle. Ob er sich wirklich des Missbrauchs von Kindern schuldig gemacht hat, erscheint bis heute fraglich, er wurde jedenfalls nie deswegen verurteilt. Und dies gilt auch angesichts der Tatsache, dass jeder weiß, dass Reiche vor Gericht bessere Chancen haben. Aber schon lange vor diesen schwerwiegenden Vorwürfen hatten die allermeisten MJ Hasser den Sänger in ihrem Visier und bedachten ihn mit Hohn und Spott. Fast jeder kennt die dummen Sprüche, die sich um sein unorthodoxes Haustier, einen Schimpansen namens Bubbles drehten. Die geschmacklosesten und dümmsten Witze unterstellten MJ eine Art sexuelles Verhältnis zu dem Tier, wohl wissend, welche merkwürdigen rassistischen Projektionen hinter solchen Phantasien steckten.
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Zum Begriff der Demokratie (1)
Kein anderes Wort hat eine so inflationäre Geschichte wie der Begriff der Demokratie. Zu den Paradoxien des Diskurses über die Demokratie gehört, dass in den Präambeln unserer Verfassungen zwar alle Macht vom Volk ausgeht, und man zur Begründung dieses Umstands sich auf antike Vorbilder beruft, aber die Zusammensetzung der Worte Demos und Kratos in den antiken Quellen eine überwiegend negative Beurteilung erfährt. Die Erfinder der Demokratie hielten nicht viel von ihr, trotzdem glauben wir unsere Gesellschaft aus einem Modell der griechischen Polis ableiten zu können, das vor 2500 Jahren die europäische Zivilisation begründete. Die Paradoxie geht noch weiter, wenn wir anerkennen, dass es prinzipiell keineswegs falsch ist, sich das so vorzustellen, uns aber gleichzeitig bewusst machen müssen, dass die mythologische Dimension dieses Gedankens seine tatsächliche historische Relevanz bei weitem in den Schatten stellt. Eine Zielsetzung dieser Serie wird darum sein, die unmittelbare Konfliktgeladenheit der heutigen Demokratie in ihrer heteronomen Gestalt deutlich zu machen.
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The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (5)
Hier geht es zu den ersten vier Teilen dieser Serie:
Zum Abschluss dieser Serie möchte ich nochmals die wesentlichsten Ergebnisse zusammen fassen, die sich zu diesem Komplex sagen lassen, und nochmals die Frage zur Diskussion stellen: Was macht den antizionistischen Diskurs gerade für den linken und gebildeten Mainstream so attraktiv? Wenn wir das Bisherige also nochmals Revue passieren lassen, dann gibt es drei äußerst banale Gründe für die Popularität des Antizionismus bei Linken.
The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (4)
Hier findet man die ersten drei Beiträge:
In einem Beitrag des ZDF zur jüngsten Krise um das aufgebrachte Schiff vor den Küsten Gazas konnte man einen ranghohen Vertreter jener federführenden Organisation lächelnd in die Kamera blicken sehen, der sich äußerst zufrieden mit dem Ergebnis der Aktion zeigte. Das Ziel der Reise war „Israel zu desavouieren“. Dass neun seiner Leute dabei getötet wurden schien ihn nicht im Geringsten zu stören, schließlich war ihr Tod ja der Grund, warum Israel desavouiert werden konnte.
The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (3)
Hier geht es zu Teil 1 und 2:
Die meisten Antizionisten zumindest in Europa und den USA weisen den Vorwurf Antisemiten zu sein empört von sich. Diese Selbstwahrnehmung sollte man sehr ernst nehmen. Ein Teil dieses Vorwurfs wird vor allem dadurch scheinbar entkräftet, dass viele antizionistische Fürsprecher selbst aus jüdischen Milieus kommen und deshalb oft mit sehr einfachen Tatsachen argumentieren können, die unmittelbar einleuchten. Man sollte aber dazu sagen, dass dies eine Minderheit ist. Die Mehrheit antizionistischer Rechtfertigung benutzt die jüdischen Kritiker Israels als Feigenblatt und zur Kritikabwehr. So wird aus der Kritik eines jüdischen Zeitgenossen an der israelischen Politik, das Jüdische an ihm zum Zentrum seiner Glaubwürdigkeit, und nicht mehr seine richtigen oder falschen Argumente. Übrigens gilt dies natürlich nur für Kritiker Israels, niemals umgekehrt. Antizionistische Linke die sich verzweifelt und emotional durchaus glaubwürdig dagegen wehren antisemitischer Ressentiments bezichtigt zu werden, beginnen unter Druck auf einmal die Nürnberger Rassengesetze rhetorisch zu implementieren, indem sie ihre jüdischen Kronzeugen einen nach dem anderen aufrufen, ohne zu bemerken wohin sie sich da selbst gebracht haben. Nicht allen kann Absicht unterstellt werden, aber den meisten Dummheit.
The Neighborhood Bully oder Warum ist Antizionismus bei Linken so populär? (2)
Teil 1 findet man hier:
Warum sind so viele Linke heute Antizionisten? Was macht die ideologische Bezeichnung „Antizionist“ eigentlich inhaltlich aus und warum wurde sie so bedeutend? Vielleicht bekommt man einen besseren Blick auf die Sache, wenn man die Frage aus der umgekehrten Perspektive stellt: Warum ist es so unpopulär ein Unterstützer Israels zu sein?
