Archiv
Die Fortschrittlichen. Elemente einer Fundamentalkritik des Sozialismus
I squandered the years of my youth
It is a scary thing, the truth!
Dylan, Dreaming of youKoksen für die Miete,
Saufen gegen den Sozialismus…
Ja, Panik, Futur IIDie Feuersbrunst ist in den Gehirnen der Menschen, (…) nicht auf den Dächern der Häuser.
Dostojewski, Die Dämonen
Dies ist der erste Entwurf eines Projekts, das sich seit mehreren Jahren aufdrängt, aber nicht zum Abschluss kommen will. Es ist keine objektive Auseinandersetzung, keine abwägende Betrachtung und der Autor steht seinem Thema – spoiler alert – ganz grundsätzlich negativ gegenüber. Es ist jedoch keine Anleitung, wie oder was man über den Sozialismus denken soll, sondern vielmehr der Versuch, überhaupt eine Sprache dafür zu finden, dem Konformismus und der Reflexionslosigkeit zu trotzen, der sich in den Milieus, die seine Propaganda betreiben, eingenistet hat. Die Argumente, die ich in diesen (vorerst) sieben Schlaglichtern anbiete, werden die Ideologie nicht entkräften können, aber sie werden daran mitwirken, sich gegen den Übergriff linker Hegemonie zu wehren, ihren Machtanspruch widerspruchslos durchzusetzen und die Kritik inklusive der Kritiker dauerhaft auszulöschen. Die Fundamentalkritik des Sozialismus muss notwendigerweise unabgeschlossen bleiben. Möge sie trotzdem nützlich sein.
Postmodernde Zeiten. Über die demokratische Illusion
The name Harvard may impress everyone around here, but to an American it only means one thing: Decline!
Lenny in “The Young Pope”
Geschichte schreibt der Erfahrene und Überlegene. Wer nicht einiges größer und höher erlebt hat als alle, wird auch nichts Großes und Hohes aus der Vergangenheit zu deuten wissen. Der Spruch der Vergangenheit ist immer ein Orakelspruch: nur als Baumeister der Zukunft, als Wissende der Gegenwart werdet ihr ihn verstehn.
Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben
Geschichte, so heißt es in einem Song der Punkband Fehlfarben aus dem Jahre 1982, wird gemacht. Es geht voran. Aber was, wenn nicht? Die Auffassung, dass Geschichte linear fortschreitet ist die dominierende Ideologie der progressives, aber sie wird durch den mehr oder weniger offensichtlichen kulturellen Stillstand in dem sich unsere Epoche befindet konterkariert. Unter postmodernen Verhältnissen geht Geschichte nicht voran, sondern sie versucht sich selbst zu kopieren. Der konstruktivistische Zugang hat sich in eine banale Kultur verwandelt, in der die verachtete und verhasste historische Realität für die Projektion eigener Konflikte verwendet wird, weil man weder Vergangenheit noch Zukunft denken kann. Unsere diagnostischen Möglichkeiten können nicht viel mehr feststellen, als die simple Tatsache, dass eben nichts voran geht, sondern alles in Feedback Schleifen reinszeniert wird. Geschichte wird nicht gemacht, sondern auf Greatest Hits Tourneen aufgeführt. Es ist eine Ära des kulturellen Niedergangs, der von den progressives als politischer Kampf gegen die Vorstellung geführt wird, dass Geschichte selbst noch einen Nutzen haben könnte. Die Vergangenheit ist keine Ressource mehr, sondern eine Bühne auf der die Konflikte von heute das gestern in Geiselhaft nehmen. Und es sind keine Baumeister der Zukunft anwesend.
Modernde Zeiten. Ein Essay über die Unzufriedenheit und ihre Feinde
There is a war between the ones who say there is a war
And the ones who say there isn’t
(Leonhard Cohen)
1.
Wo er sich zu Tisch setzt
Setzt sich die Unzufriedenheit zu Tisch
Brecht, Lob des Revolutionärs
Die Unzufriedenheit mag eine notwendige Erscheinung des Alters sein, in der man als Mensch Stück für Stück aus der aktuellen Wirklichkeit verschwindet. Vielleicht ist sie auch Ausdruck einer Persönlichkeitsstörung, die sich immer mehr Raum im psychischen Apparat verschafft. Wer unzufrieden ist, steht immer schon in der Ecke. Wer sich beklagt hat ein psychisches Problem. Wer mit den Umständen nicht zufrieden ist, ist vor allem mit sich selbst unzufrieden. Die Selbst-Pathologisierung der eigenen Konflikte ist mittlerweile Teil der herrschenden Ideologie. Die Unzufriedenheit auf eine rein persönliche Seelenlage zu reduzieren ist bereits Konsequenz ihrer Denunziation durch den Apparat. Meine persönliche Unzufriedenheit kommt daher, dass die Gesellschaft, die wir wahrnehmen, in einer ganz fundamentalen Krise steckt, was einerseits den spirituellen Leerstellen durch dysfunktionale Sinngebungsinstitutionen geschuldet ist, aber andererseits ganz handfeste Ursachen in den Veränderungen der demokratischen Legitimität hat, die im Zuge der europäischen Integration die innere Statik der Nationalstaaten ins Ungleichgewicht brachten. Die Auswirkungen sind Krisen des Zusammenhalts, der Verlust von Konsens, die Unterdrückung von Kritik. Die Krise besteht in der Unfähigkeit von Eliten, auf die Kritik ihrer Politik anders zu reagieren als durch die soziale Ausgrenzung der Kritiker. The time is out of joint.
Wären Marx und Engels heute Anti-Imperialisten oder Anti-Deutsche? Überlegungen zu einer unentschiedenen Frage.
Dieser Beitrag ist ursprünglich im Dezember 2017 auf dem Blog thinktankboy erschienen. Die vorliegende Fassung wurde leicht verändert.
1.
Der folgende Text ist das Ergebnis einer sich schon länger hinziehenden Reflexion, wie sich Karl Marx und Friedrich Engels wohl heute in Fragen der globalen Verhältnisse politisch positionieren würden. Die Aufgabe besteht hauptsächlich darin, sich diesem Problem auf eine Weise zu stellen ohne schon zuvor eine Entscheidung darüber getroffen zu haben. Wären Marx und Engels heute eher altbackene linksgrüne Salonkommunisten oder würden sie es eher mit Adorno und der Kritischen Theorie halten?
Vorschläge für die Literatur des 21. Jahrhunderts
quotiens certam me sum mentitus habere
horam, propositae quae foret apta viae.
ter limen tetigi, ter sum revocatus, et ipse
indulgens animo pes mihi tardus erat.
Wie oft bildete ich mir ein, es gebe eine bestimmte Stunde,
die für die bevorstehende Reise geeignet wäre.
Dreimal berührte ich die Schwelle, dreimal wurde ich zurückgerufen,
und der Fuß lahmte, da ich dem Geist nachgab.[1]
Ovid, Tristia 1.3
Über Superintelligenz und das AI Risiko
„lupus est homo homini.“ (Plautus)
Der Begriff der “Künstlichen Intelligenz” (engl. artificial intelligence oder AI) ist philosophisch höchst umstritten, aber technisch durchaus definierbar. Obwohl es natürlich keine eindeutige Auffassung von „Intelligenz“ gibt, hat sich in den Ingenieurdisziplinen durchgesetzt, dass mit Intelligenz die Fähigkeit gemeint ist Muster in chaotischen Datenmengen zu erkennen. Dabei genügt es aus evolutionärer Sicht für jedes Wesen, das einem Selektionsdruck unterliegt, die für das Überleben notwendigen Muster richtig zu interpretieren, unabhängig von messbarer Intelligenz. Eine Katze muss schnell sein, um Mäuse zu fangen, aber sie muss keine Differentialgleichungen lösen. Hohe Intelligenz wäre in der Lage dort Muster zu erkennen, wo andere scheitern und eine Superintelligenz würde riesige Cluster an Mustern erkennen und in hoher Geschwindigkeit verarbeiten. Dabei sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass eine solche Superintelligenz dies nur unter hohem Energieaufwand betreiben kann, der mit der Größe der Superintelligenz selbst wächst.
Weiterlesen …The Climb We Hill
„Don’t believe the hype!“ (Public Enemy)
Amanda Gorman oder Die Kunst einen Hügel hinauf zu steigen, der vollkommen flach ist.
1.
Seit die junge Poetin Amanda Gorman ihr Gedicht „The hill we climb“ bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden einem Millionenpublikum vorlas, kann sie vermutlich als die berühmteste Autorin der Welt gelten. Mehrere Millionen Follower auf Twitter, lukrative Verträge mit prominenten Verlagen, die Stilisierung zur Fashion-Ikone und eine weltweite Aufmerksamkeit in den Feuilleton Seiten der wichtigsten Zeitungen und Magazine sind der Lohn für einen knapp sechs Minuten langen Vortrag von 53 Zeilen.
Große Verlage außerhalb der Vereinigten Staaten bemühten sich sofort um die Übersetzungsrechte für den schmalen Text und setzten ihre besten Leute darauf an. In den Niederlanden wurde die Transperson Marieke Lucas Rijneveld mit der Übertragung betraut, aber ihr wurde der Auftrag kurz darauf wieder entzogen, weil ein Twittermob entschied, dass die Hautfarbe von Rijneveld einfach zu hell ist. Dasselbe Schicksal ereilte den katalanischen Übersetzer von Gormans Gedicht, Victor Obiois, einem prominenten Shakespeare Experten, dem von seinem Verlag mitgeteilt wurde, das „falsche Profil“ zu haben.
Weiterlesen …Writings on the wall. Reflexionen zum Terroranschlag in Wien
“You can’t depend on the goodly hearted
The goodly hearted are made lamp-shades and soap…”
Lou Reed, Busload of Faith
In seinem auf MEMRI veröffentlichten Bekennervideo fuchtelt der junge Mann mit seiner Handfeuerwaffe in der rechten Hand ein wenig herum, während er mit der Linken eine Machete und den Lauf der AK-47 eng an sich drückt. Er murmelt in schlechtem Arabisch die traditionellen Formeln des islamischen Glaubensbekenntnisses herunter und schwört dem derzeitigen Anführer der Terrorbande „Islamischer Staat“ (Daesh) seine Gefolgschaft. Wenig später wird er in der Wiener Innenstadt fünf Menschen mit Schüssen aus seiner AK-47 ermorden, um wenig später selbst durch die Waffe eines Polizisten tödlich getroffen zu werden.
Der Täter, ein 20-jähriger Mann und österreichischer Staatsbürger, der ursprünglich aus dem albanisch sprechenden Teil Nordmazedoniens stammt, ist behördlich bekannt gewesen, hat bereits eine Haftstrafe verbüßt, weil er versucht hat, sich in Syrien dem IS anzuschließen und wurde sogar von slowakischen Behörden dabei erwischt, wie er sich Munition für die AK-47 verschaffen wollte. Die österreichischen Autoritäten sollen die Warnung der Slowaken mehr oder weniger ignoriert haben. Anscheinend hatte man volles Vertrauen in das Deradikalisierungsprogramm[1], das den jungen Mann unter seine Fittiche genommen hatte und durch das er die 22 Monate lange Haftstrafe auf einen 7-monatigen Aufenthalt im Gefängnis reduzieren konnte.
Nicht-Identitätspolitik. Ein Aufruf zum Widerstand gegen die linke Hegemonie
Do I understand your question, man, is it hopeless and forlorn?
Bob Dylan, Shelter from the storm
Hier ist nicht Jude noch Grieche,
Hier ist nicht Sklave noch Freier,
Hier ist nicht Mann noch Frau;
Denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.Galater 3,28
Intro: Ist #blacklivesmatter ein Produkt der Kritischen Theorie?
„What we’re trying to do in this revolution, in this televised revolution is that I’m saying this not in the literal sense, but in the sense of ‘Burn it all down. Start over.‘„
(Linda Sarsour)[1]
Die jüngsten Ereignisse in den Vereinigten Staaten lassen uns zwischen den revolutionsschwangeren Rauchschwaden verwüsteter Innenstädte einen Blick darauf werfen was passieren könnte, wenn die bürgerliche Gesellschaft, ihre Demokratie und die von ihr rechtsstaatlich garantierte Meinungsfreiheit scheitern sollten. Was seit Jahrzehnten als „humanities“ an europäischen Universitäten und den Colleges der amerikanischen Bildungseliten gelehrt wird, ein philosophisch und ideologisch dezentral geführter Totalangriff poststrukturalistisch beeinflusster Theorien von „critical whiteness“ über „postcolonial theory“ bis zu „gender studies“ auf die Substanz der jüdisch-christlichen Zivilisation, steht kurz davor sich gesamtgesellschaftlich durchzusetzen. Der von den Eliteuniversitäten ausgehende und von den Mainstream Medien und den großen Tech-Corporations unterstützte Aufstand gegen eine imaginäre „white supremacy“, die einen „systemischen Rassismus“ praktizieren soll, ist ein postmodern aufgeladener stalinistischer Krieg gegen die zivilisatorischen Minimalanforderungen bürgerlicher Gesellschaft. Er könnte erfolgreich sein. Die Angst vor einem Untergang der Vereinigten Staaten wirft eine scheinbar weniger wichtige aber deswegen nicht weniger brisante Frage auf. Wenn man die Aufforderung von Adorno und Horkheimer ernst nimmt, dass es unerlässlich sei die zivilisatorischen Mindeststandards bürgerlicher Gesellschaft gegen die Barbarei zu verteidigen, dann stellt sich die Frage, ob mit der möglichen Abdankung der spätkapitalistischen Demokratie, deren Kritik stets auch ihr eigenes Anliegen gewesen ist, nicht auch Kritische Theorie an sich als gescheitert betrachtet werden muss.
Weiterlesen …
Anmerkungen zur weltweiten Verfolgung der Christen
„Das Abendland wird gestorben sein, wenn es nicht mehr die Gegenwart Griechenlands in einer christlichen Seele ist.“ (Nicólas Gómez Dávila)[1]
„Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Römer 12, 20-21)
1.
Warum wird die weltweite Verfolgung der Christen in den Metropolen des Westens so konsequent ignoriert? Der Widerstand sich mit dem Thema zu beschäftigen ist enorm und verweist auf die ganz prinzipielle Unfähigkeit der zeitgenössischen westlichen Bevölkerungen sich in irgendeiner Weise positiv auf sich selbst zu beziehen. Die These von Freud, dass der Antisemitismus eine absurde Verdrängung des Hasses auf das Christentum ist, erweist sich heute als Wahrheit über die nur verschämt geschwiegen werden kann. Die Ablehnung und der Hass auf die Religion, der von unaufgeklärten Gegenaufklärern gegen jede Empirie als Wesen der Aufklärung propagiert wird, betrifft nur eine einzige Religion und wird von einer linken Hegemonie im Gewand eines postliberalen Atheismus nur gegen das Christentum in Stellung gebracht. Dass es ohne das Christentum gar keine Aufklärung gegeben hätte wird konsequent geleugnet, und dadurch zu einer Art Grundbedingung des gesellschaftlichen Konsenses hypostasiert, in der sich die atheistische Menschenfeindlichkeit gemütlich einrichten kann. Die Verteidigung verfolgter Christen gegen ihre Verfolger wird heute von der linken Hegemonie so intensiv verdrängt, dass sich nur noch politische Reaktionäre mit diesem Thema beschäftigen wollen.[2] Jordan Peterson rief in seinen „12 rules for life“ eine fast schon banale Tatsache zurück in das Bewusstsein von Millionen LeserInnen und ZuhörerInnen seiner Vorträge: „The Bible is, for better or worse, the foundational document of Western civilization…“[3] und wurde – auch dafür – von Slovoj Zizek als „alt-right scientist“ denunziert.