100 Jahre Oktoberrevolution. Über das geisterhafte Nachleben des Stalinismus
„Warum und wie führte der sowjetische Sozialismus zu Stalin (…)?“
Louis Althusser, Die Krise des Marxismus (1978)
„Beispielsweise scheint mir – um der allerbrennendsten Frage nicht aus dem Weg zu gehen – , dass man auf jede Art der Logik der „Aufhebung“ Verzicht leisten muss oder gar nicht erst das Wort ergreifen darf, wenn man sich fragt, wieso das so großzügige und stolze russische Volk auf einer so breiten Stufenleiter die Verbrechen der Stalinschen Unterdrückung hat ertragen können und wie sogar die bolschewistische Partei sie hat dulden können – ohne bereits von der letzten Frage zu sprechen, nämlich wie es möglich gewesen ist, dass ein kommunistischer Führer sie hat befehlen können.“
Louis Althusser, Widerspruch und Überdeterminierung in: Für Marx (1965)
1.
Mit der formalen Auflösung der Sowjetunion, einem Prozess der sich in mehreren Schritten im Lauf des Jahres 1991 vollzog, endete die historische Episode des „realen Sozialismus“, also jener Staaten die in das politische Systems des Warschauer Pakts eingebunden waren. In den fast drei Jahrzehnten, die seither vergangen sind haben sich viele Menschen in unterschiedlichsten Kontexten damit beschäftigt warum die sozialistischen Gesellschaften scheiterten und was die Ursachen dieses Scheiterns gewesen sind. Ein wesentlicher Teil dieser Erklärungsversuche besteht darin den Begriff des Kommunismus und zumindest einen Teil des marxistischen Repertoires vor seiner Kontaminierung durch die historischen Verwerfungen zu retten und eine imaginäre Grenze zwischen dem Autor des „Kapital“ und den Entwicklungen in der Sowjetunion zu ziehen. Der folgende Beitrag wird eine solche Unterscheidung nicht treffen. Die zahlreichen Versuche Marx und Engels (und dann anschließend Lenin und Trotzki) zu entlasten sind inhaltlich zwar nicht immer falsch, aber politisch repräsentieren sie eben nichts anderes als den Versuch die unangenehme stalinistische Vergangenheit der Sowjetunion zu verdrängen oder manchmal auch zu rechtfertigen, indem man sie als Abweichung von einem ursprünglich intakten Kern betrachtet. Die Deutung einer „reinen“ Theorie im marxistischen Oeuvre, die von unverantwortlichen Hasardeuren missbraucht worden sein soll ist selbst bereits Ausdruck einer stalinistischen Geschichtsfälschung, die zeitgenössischen ParteisoldatInnen die Mühe abgenommen hat ihre Begrifflichkeiten und Selbstverständnisse zu hinterfragen.
Aber es sind nicht nur die KommunistInnen, die hier etwas zu bearbeiten hätten, auch jene Linken, die sich wegen ihrer Ablehnung der Sowjetunion für immun gegen stalinistisches Denken halten sind dem Geist des Stalinismus hilflos ausgeliefert, weil ihnen paradoxerweise am allerwenigsten bewusst ist wie sehr das Erbe Stalins auf ihnen lastet. Und damit sind nicht nur die trotzkistischen Varianten des linken Zeitgeists gemeint. In der Jungle World etwa wurde letztens das neueste Pamphlet des „Unsichtbaren Komitees“ besprochen, das wie schon sein Vorgänger davon träumt Gesellschaft durch Bandenbildung zu zerstören. Die Phantasie linker Utopien ist dabei stets die Gleiche: bevor irgendeine sinnvolle Tätigkeit entfaltet werden kann, kommt die Ausrottung und Vernichtung des Bestehenden an erster Stelle, weil die Utopie selbst völlig unfähig ist über das eigene imaginäre Selbstbild hinaus zu denken. Die Autorin des Artikels, Sophie DeBris schreibt:
„Die Frage des Kommunismus, heißt es, ist trotz ihrer gründlichen Verdrängung »das Herz der Epoche«. Sie zu umgehen, heißt nichts anderes, als sich an das Morden, an die Zerstörung des Planeten, an die alltägliche Entsagung zu gewöhnen – um den Preis, jede Fähigkeit zur Wahrnehmung dessen, was ist, in uns abzutöten. Kommunismus (und damit ist gemeint: die kommunistische Bewegung) bedeutet hier zuallererst die Kultivierung der Empfindung, der Fähigkeit zu unterscheiden, zu sehen. Kommunismus heißt: wahrnehmen, was ist. Das Versprechen des Kommunismus ist, dass jedes einzelne Fragment dieser zerbrochenen Welt errettet wird und seinen eigenen Namen erhält.“[1]
Der Hinweis in Klammer, „(die kommunistische Bewegung)“ verweist auf Marx selbst, aber verfälscht ihn dennoch, denn obwohl Worte wie „wahr“ und „wirklich“ die Marx’sche Beschreibung des Kommunismus in der Deutschen Ideologie ausschmücken, war ihm wohl selbst sehr deutlich bewusst, dass Kommunismus nicht „wahrnehmen, was ist“ bedeutet, sondern projizieren was sein soll. Die (absichtliche) Verwechslung der Wirklichkeit mit der eigenen Projektion ist ein fundamentales Prinzip stalinistischer Verfolgungspraxis gewesen. (Siehe auch meine Würdigung des Werks von Robert Conquest.) Dass Sophie DeBris den Vorwurf des Stalinismus wütend zurückweisen wird ändert nichts daran, dass genau diese simple Verwechslung Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Der Kommunismus der „wahrnimmt was ist“, ist jener historische Kommunismus der real-sozialistischen Misere gewesen, und lehnt man diesen ab (was DeBris sicher tut) hat er auch noch nicht existiert. Und wenn der Kommunismus noch nicht stattgefunden hat, kann er auch noch nicht sein und darum kann man ihn auch nicht als Realität wahrnehmen. Ich denke dass diese kleine logische Fehlleistung im Zentrum des geisterhaften Nachlebens des Stalinismus in den linken Theorien und Organisationen steht. Der Kern des stalinistischen Geistes ist die Verwendung des Wortes „Kommunismus“ als romantische Projektion einer Zukunft, die nie eintreten kann, weil die Notwendigkeit Millionen Menschen für seine Verwirklichung zu ermorden einfach in guter Absicht ignoriert wird. Niemand wollte das jemals und jede/r weist empört jede Verantwortung oder Zustimmung weit von sich, trotzdem ist es in unvorstellbaren Dimensionen geschehen. Oder anders gesagt: die Gewöhnung an das „Morden, an die Zerstörung des Planeten, an die alltägliche Entsagung“ hat bereits stattgefunden, wenn die Zerstörung dessen was tatsächlich ist als notwendige Voraussetzung begriffen wird. Althussers simple von allen kommunistischen ZeitgenossInnen ignorierte Frage wie „ein kommunistischer Führer (diese Verbrechen) hat befehlen können“, lässt sich einfach beantworten: Das Versprechen des Kommunismus ist Massenmord.
Der stalinistische Geist äußert sich als idealistische Phantasie über eine glorreiche Zukunft und die Errettung der Welt, während seine Apostel ihre Augen wegen des Lärms schließen, den die auf Befehl feuernden Erschießungskommandos produzieren. Denn was genau soll die Formulierung heißen der Kommunismus sei das Versprechen, „dass jedes einzelne Fragment dieser zerbrochenen Welt errettet wird“, wenn nicht die Ausblendung der politischen Gewalt und ihrer Zerstörungswut? Das stalinistische Moment der heutigen Linken ist der reflexionslose Selbstbetrug über das Vernichtungspotential der eigenen Phantasien, ein Potential das sie historisch für irrelevant erklären und in ihrer eigenen Gegenwart ignorieren. Die Projektion dieser verlogenen Attitüde hat dazu geführt, dass der linke Zeitgeist sich für die Aufarbeitung der stalinistischen Lager und Foltergefängnisse nicht zuständig fühlt und stattdessen (in einer weiteren Rezension in der Jungle World) am Pamphlet des Unsichtbaren Komitees bedauert: „Kommunismus ist mit diesem Buch nicht zu machen.“[2] Das Einsehen, dass die Projektionen ins Leere laufen ist in Christoph Wimmers Artikel gegeben, aber nicht warum das so ist. Man bedauert, dass der Versuch den mörderischen Impuls zu verdrängen nicht wirklich gelingen will, rechnet sich aber Chancen aus beim nächsten Mal besser weg sehen zu können. Die typische Reaktion auf die Kritik am Stalinismus war darum seit jeher die Abwehr der Kritik mit dem Hinweis, dass es ja noch keinen „echten“ Kommunismus gegeben hätte. Was dieser Satz vor allem sagen will ist, dass die Zerstörung und Vernichtung dessen was abgeschafft werden soll nicht vollständig gewesen ist. Der Kommunismus ist als Projektion darum so wirkungsmächtig, weil er die Energie der Erleuchteten darauf konzentriert Gesellschaft zu vernichten und zu zerstören und die Mühen der Ebene als uninteressant verwirft. Revolutionäre denken nur bis zum Punkt null. Darüber hinaus sind sie unfähig und planlos und etwas aufzubauen und zu bewahren gilt ihnen als unanständig und reaktionär. Der revolutionäre Esprit, der für Millionen Jugendliche der letzten drei Generationen unerhört attraktiv gewesen ist, denkt sich eben nur bis zur Revolution und hat für die frustrierenden bürokratischen Details danach keinerlei Begriffe und Konzepte. Die Verachtung für den mühsamen und unzufrieden stellenden Prozess allgemeiner Willensbildung, der durch die Notwendigkeit von Kompromissen unweigerlich die „schöne Seele“ (Hegel) korrumpiert ist fast allen Linken gemeinsam, auch jenen, die nicht Mitglieder der Kommunistischen Partei sind. Che Guevara und Leo Trotzki sind nicht zufällig Helden dieser Generationen, sind beide doch stets vor der Verantwortung geflohen Gesellschaften aufzubauen anstatt sie zu zerstören. Der eine, indem er seine Guerillaromantik an einem anderen Ort auslebte, der andere indem er von einer „permanenten Revolution“ phantasierte, die Gesellschaft in einen durchgehend terroristischen Ausnahmezustand versetzt. Die Unfähigkeit zu begreifen, dass es gerade die guten Absichten und hohen Ideale gewesen sind, die Menschen dazu befähigten andere Millionenfach zu ermorden ist kein kommunistisches Alleinerkennungsmerkmal, sondern in allen linken Milieus anzutreffen, in denen junge Männer und Frauen erklären, dass es noch keinen richtigen Kommunismus gegeben hätte. In Anbetracht der historischen Fakten ist es mehr als ein Segen, dass dieser „wirkliche Kommunismus“ niemals Chancen haben wird Realität zu werden, aber selbst der Versuch wird genug Schaden anrichten, um sich auch davor noch zu fürchten.
2.
Die Rhetorik der apologetischen Diskurkultur ist immer dieselbe: der Marxismus kann nichts dafür, seine Ideen wurden missbraucht, es gab noch keinen wirklichen Kommunismus. Das Scheitern des Marxismus ist genau diese Apologie, den eigenen Anteil an der Katastrophe des realen Sozialismus nicht reflektieren zu können und auf die dummen Ausreden zurück greifen zu müssen, dass er für seine eigene politischen Konsequenzen nicht haftbar gemacht werden könne. Es war Louis Althusser, der darauf bestand den Marxismus danach zu beurteilen, ob er in der Lage sei seine eigenen Kategorien auf sich selbst anzuwenden.[3] Möchte man also darauf verzichten das Scheitern des Marxismus durch rein äußerliche Umstände erklären zu wollen, sondern stattdessen die innere Struktur seines Denkens als Maßstab nehmen, muss man sagen: der Marxismus hat nur insofern mit dem Stalinismus nichts zu tun, als er ganz von allein völlig unfähig war das Abgleiten in die Diktatur vorher zu sehen oder gar zu verhindern. Das heißt auch, dass der Marxismus an sich nicht in der Lage ist, die Gesellschaft zu verbessern oder auch nur seine eigene politische Entwicklung korrekt zu interpretieren, obwohl er gerade das mit so viel Nachdruck behauptet hat. Der Marxismus konnte weder die Verbrechen Stalins, noch seine Apologien und endlosen Relativierungen verhindern noch sich selbst in seinen eigenen Fehlentwicklungen reflektieren, weil er eben keine Instrumente besitzt die Behauptung idealistischer Fortschrittsideologie zu kritisieren von den edelsten Motiven beseelt zu sein. Die KommunistInnen wären vermutlich die erste politische Bewegung gewesen, die so viel Selbstreflexion und intellektuelle Redlichkeit besessen hätte, und darum verwundert es auch nicht, dass sie es nie getan haben. Warum hätten sie besser sein sollen als alle anderen?
Man sollte darum einen Blick auf die Phase nach dem Zusammenbruch des realen Sozialismus in den 90er Jahren werfen. Die verzweifelten Versuche der GenossInnen in den Kommunistischen Parteien aus den historischen Prozessen, die mit Gorbatschows Glasnost begannen und mit dem Kollaps der kommunistischen Unterdrückungsapparate in Osteuropa endeten, schlau zu werden, benötigten fast ein Jahrzehnt um den gewaltigen Schock zu verarbeiten. Man kann sagen: sie haben es bis heute nicht begriffen. KommunistInnen auf der ganzen Welt sind nach wie vor davon überzeugt, dass ihre religiös aufgeladene Ideologie im Ganzen gut, aber durch unverantwortliche Kräfte missbraucht worden ist, eine Rhetorik die man auch bei den Verharmlosern islamistischen Terrors finden kann. Der Versuch einer halbwegs ehrlichen Kritik am Stalinismus, wie sie etwa in einer Publikation des langjährigen KPÖ-Vorsitzenden Franz Muhri kurz vor seinem Ableben geäußert wurde, hätte vor 1990 zu seiner Absetzung als Vorsitzender und zu seinem Ausschluss aus der Partei geführt, war aber bei seinem Erscheinen 2001 selbst nichts weiter als die opportunistische Makulatur einer Sache, die längst verloren war und durch Schönreden zumindest als Nostalgie gerettet werden musste. Muhri schreibt: „Aber die Stalinschen Repressionen gegen Unschuldige stehen in diametralem, prinzipiellem, unvereinbarem Widerspruch zum humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele.“[4] Für die KommunistInnen war der Stalinismus immer die Abweichung von einer ansonsten glorreichen Idee, deren Scheitern in äußeren Ursachen lag und nicht in seinen prinzipiellen ideologischen Fundamenten. Nachdem er die Schrecken der Zeit des Großen Terrors der 30er Jahre rekapituliert, schreibt Muhris Nachfolger als Vorsitzender der KPÖ, Walter Baier, in vollem Ernst: „Zu konstatieren ist, dass die opferreichste KommunistInnenverfolgung des 20. Jahrhunderts tragischerweise im Zeichen des ‚Aufbau des Sozialismus in einem Land‘ entfesselt wurde. Stalinismus bedeutet allein aus diesem Grund systematisch praktizierten Anti-Kommunismus.“[5]
Man kann Baier und Muhri keinen Vorwurf machen. Beide gehen so weit sie gehen können, ohne die letzten Reste der eigenen Identität aufzugeben, und das ist bei beiden schon weitaus mehr, als die meisten bereit waren überhaupt zuzugeben. Aber es zeigt sehr genau, warum der Marxismus als reflexives Instrument nichts taugt, weil ein taugliches Instrument zuallererst hinterfragen würde, warum es überhaupt einen Widerspruch zum humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele geben kann, wenn der Anspruch dieser Ideen und Ziele gewesen ist, genau diese Art von Diktatur und Verbrechen nicht zuzulassen. Was hier nicht stimmt, ist darum keineswegs die Behauptung, dass die stalinistischen Massenmorde anti-kommunistisch gewesen wären – eine Interpretation, die zu Zeiten von Muhris Parteivorsitz mit dem Ausschluss aus der Partei beantwortet worden wäre – sondern dass die Idee eines humanistischen Charakters der kommunistischen Ziele und Ideen ganz offenbar falsch ist. Oder noch komplizierter und verwirrender: das Gerede vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ziele und Ideen“ bedeutet nicht das, was die Sprechakte damit sagen wollen, sondern repräsentiert eine ideologische Leerstelle, die mit Floskeln und Füllwörtern zugemauert wird. Was die KommunistInnen (und mit ihnen die meisten Linken) nicht zugeben können ist die prinzipielle Feststellung, dass sich ihr Selbstbild nicht mit der Realität deckt. Die nachträgliche Empörung Muhris über die Untaten Stalins ist also vor allem eine Lebenslüge, denn Muhris Vorsitz der Kommunistischen Partei Österreichs ist eng mit der Phase nach dem Prager Frühling verbunden, in der sich die Moskau treue Fraktion durch setzte. Es war wiederum Louis Althusser, der mit seinem feinen Gespür für die Erschütterungen der Macht den „theoretischen Antihumanismus“ von Marx entdeckte, indem er einen unreifen Humanismus der frühen Schriften vor 1848 gegen die entwickelte Hermeneutik des „Kapital“ stellte. Dieser Kunstgriff, der einen „epistemologischen Bruch“ deklarierte, der den frühen Marx vom reifen Marx trennen sollte, kritisierte den Humanismus – ausgerechnet in einer stalinistischen Terminologie – als ideologisches Brett vor dem Kopf jener Linken, die sich darin vom Stalinismus abgrenzen wollten.[6] Es verwundert daher kein bisschen, dass Althusser den Kampf um die Position des Chefideologen in der Kommunistischen Partei Frankreichs gegen den überzeugten Humanisten Roger Garaudy verlor, der später als Islamkonvertit von sich reden machen sollte und 1998 wegen Holocaustleugnung in Frankreich strafrechtlich verurteilt wurde. Die Kritik Althussers am Humanismus war dennoch der einzige marxistische Feldversuch innerhalb einer Kommunistischen Partei den Sinnzusammenhang zwischen den „humanistischen Ideen und Zielen“ des Marxismus und den Verbrechen des sowjetischen Terrorstaates herzustellen. Dass er gescheitert ist und Althusser sich durch den Mord an seiner Frau Hélène 1980, den das Gericht für ein Produkt geistiger Umnachtung hielt, für ganze Generationen nachhaltig beschädigt hat, entspricht in gewisser Weise der zynischen Logik, die sich in den Verbrechen der sowjetischen Terrorwellen ausdrückte. Althusser ermordetet mit Hélène den einzigen Menschen, der trotz seiner unfassbaren Gemeinheiten ihr gegenüber[7] zu ihm stand und ihn auch in schwierigen Zeiten nach Kräften unterstützte. Den vielen treuen KommunistInnen, die ihre Energie und ihren Idealismus dem sozialistischen Projekt der Sowjetunion oder irgendeinem anderen kommunistischen Regime opferten, das sie entweder folterte, deportierte oder ermordete oder zum Spitzel, Folterknecht oder Henker machte, ging es nicht viel anders. Die naive Treue mit der kommunistische ParteigängerInnen, SympathisantInnen und WiderstandskämpferInnen ihrer eigenen systematischen Unterwerfung unter eine zynische und unbarmherzige Korrumpierung noch der privatesten individuellen Beziehungen zustimmten war unverbrüchlich und hält bis heute an. Adornos Begriff des Nicht-Identischen verweist darauf, dass die totalitäre Diktatur nicht bloß an Macht und ihrer Ausübung interessiert ist, sondern sich darauf versteift, dass die Subjekte inklusive jener, die nicht gerade im Lager einsitzen ihrer eigenen Degradierung auch noch zustimmen müssen.[8] Der reale Sozialismus sowjetischer Prägung war der eigentliche Ort an dem sich Foucaults Idee der Disziplinargesellschaft als gesellschaftliche Utopie realisierte, auch wenn Foucault selbst das bis zur Unkenntlichkeit relativiert hat.[9] Das Auseinanderweisen von Begriff und Objekt, von Sprache und objektiver Wirklichkeit, von privatem und öffentlichem Raum, kurz das Nicht-Identische ist das eigentliche Ziel totalitärer Herrschaft, sie will die Trennung der Nicht-Identität aufheben, auslöschen, vernichten. Nur so kann Personenkult mit der absurdesten Propaganda verschmolzen werden, die die Vernichtung des Feinds, des Parasiten, des Spions als Handlungsanleitung in eine ganze Kultur injizierte, deren widerlichstes Lügenpresse und Verlautbarungsorgan selbstverständlich „Wahrheit“ hieß. Niemand außer den Nazis war perfider, zynischer und grausamer als dieser kommunistische Terror der stalinistischen Herrschaft. Es heißt oft, dass viele Linke in ihrer Jugend eine „stalinistische“ Phase gehabt hätten. Die Frage stellt sich, warum diese „Phase“ bei so vielen niemals zu Ende ging.
3.
Man kann drei große Lebenslügen der kommunistischen Milieus feststellen:
i.) Die historische Fälschung den Putsch der Bolschewiki 1917 als einzig stattgefundener Revolution zu monopolisieren, obwohl die Bolschewiki mit ihrer Politik die Ansätze einer demokratischen Veränderung in Russland völlig zerstört haben.
ii.) Die Rechtfertigung des revolutionären Terrors als „notwendig“ und als von äußeren Ursachen getriggertes Phänomen zu betrachten und daran anschließend sich als unfähig zu erweisen die eigene Gewalt, die vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ ausgeht zu reflektieren.
iii.) Die Verdrängung der schändlichen Rolle Stalins als Hitlers Kollaborateur.
Das Narrativ der Russischen Revolution führt ein seltsames Eigenleben. Sie repräsentiert auch für nicht kommunistische Linke eine Projektionsfläche mit der sich die eigene Unsicherheit und Irrelevanz mythologisch kompensieren lässt. Historisch ist sie durch konkurrierende Versionen trotzkistischer und stalinistischer Vereinnahmungen geprägt gewesen, die sich beide auf Lenin beriefen und in erster Linie akademisch aufgeblähte Wettbewerbe um das beste Lenin/Trotzki/Stalin Zitat waren. Sowjetische Lehrbücher über die Geschichte der Revolution und die Doktrinen des Dialektischen und Historischen Materialismus wie sie z.B. während der Breschnew Ära im Umlauf waren, erwecken beim Lesen heute den Eindruck, dass nur Tote so etwas schreiben können. Der Ungeist einer von sich selbst unendlich gelangweilten Propagandalüge, die aus reiner Sturheit und mit absoluter Menschenverachtung die bedauernswerten LeserInnen darauf vorbereitete die Unerträglichkeit des Widerspruchs zwischen Propaganda und Wirklichkeit als Schicksal zu akzeptieren, findet sich genauso in den unzähligen mühsamen trotzkistischen Entgegnungen, die ihre historischen und ideologischen Untersuchungen wann und warum die Sowjetunion vom richtigen Weg Lenins und Trotzkis abgekommen ist mit derselben pedantischen Lebensfeindlichkeit bestritten. Ob man heute die Menschewiki als mögliche Alternative betrachtet, ausländische Militärintervention, den Bürgerkrieg gegen die „Weißen“ oder die Fehler der Kerenski Regierung für die wesentliche Ursache hält, dass die Bolschewiki die Macht übernahmen: fest steht, dass 1917 in Russland eine Revolution stattfand, die einiges Potential hatte das rückständige zaristische Regime demokratisch zu verändern. Dieses Potential wurde mit der Alleinherrschaft der Bolschewiki unwiederbringlich zerstört. Lenin, der aus der gescheiterten Revolution 1905 seine eigenen Schlüsse gezogen hatte, drängte seine Bolschewiki bereits im Schweizer Exil darauf sofort mit dem bewaffneten Aufstand zu beginnen und sich nicht lange mit demokratischen Experimenten aufzuhalten. Dass sich seine eigenen ParteigenossInnen vor Ort lange dagegen sträubten erzählt uns einiges über das „revolutionäre Genie“ Lenins, der mögliche demokratische Reformen oder gar eine zivile Gesellschaft für gefährliche Ablenkungen hielt. Sobald die Bolschewiki die Macht übernahmen war es mit der Revolution jedenfalls vorbei. Die kurze Periode gesellschaftlichen Umbruchs, die mit den Namen von großen Künstlern wie Malewitsch, Vesjohly, Eisenstein oder Dsiga Vertow verbunden ist hinterließ in der sowjetischen Gesellschaft keine bleibenden Spuren. Der Mythos, dass Lenin und Trotzki – hätten sie denn länger gelebt oder den Aufstieg Stalins verhindern können – ein anderes System etabliert als jenes das Stalin und seine Schergen schließlich errichteten ist gegenstandslos. Das (trotzkistische) Narrativ, das der leninistischen Richtung die erfolgreiche Revolution zuschreibt, aber Stalin die Pervertierung anlastet ist natürlich nur eine weitere Lüge. Lenin und Trotzki bauten den Polizei und Terrorstaat erst auf, den Stalin angeblich pervertieren konnte.[10] Lenin war genau wie Trotzki ein gewissenloser Massenmörder, der für die Erreichung seiner Ziele buchstäblich über Berge von Leichen ging. Der Unterschied zu Stalin war lediglich, dass ihm der Bürgerkrieg und die unsichere Situation des Sowjetstaates zwischen 1917 und 1924 zahlreiche Einschränkungen auferlegte. Als Stalin sich etwa um 1929 endgültig als unumstrittener Führer durchgesetzt hatte, gab es diese Einschränkungen nicht mehr. Der Stalinismus war wie gesagt kein Betriebsunfall oder eine Pervertierung einer an sich guten Idee, sondern die Fortsetzung einer totalitären Ideologie, die mit Marx und Engels und ihrer Idee der „Diktatur des Proletariats“ begann und von einer offensiven Geringschätzung bürgerlicher Rechtsvorstellungen geprägt war. Statt eines Rechtsstaats denken sich KommunistInnen und ihnen verwandte linksradikale ZeitgenossInnen stets ein permanentes Standgericht, das für ausgleichende Gerechtigkeit sorgen soll, in dem es als fortwährend aktives Erschießungskommando tagt und den Terror zum einzigen Mittel der politischen Regulation erklärt. Es ist kein Wunder, dass die Pamphlete des „Unsichtbaren Kommitees“ den bolschewistischen Vorstellungen über die Neuordnung der Gesellschaft so ähnlich sind. Stalinismus ist Leninismus ist Trotzkismus. Lenin und Trotzki hatten nur zu wenig Zeit dies umzusetzen. Und Stalin war einfach noch brutaler, menschenverachtender und grausamer als die beiden anderen.
Das größte Problem der postkommunistischen Ära war daher stets, dass die KommunistInnen im Besonderen, aber vor allem das ganze Spektrum der Linken, die sich in irgendeiner Weise dem Marxismus verbunden fühlten, auch wenn dies negativ abgrenzend gewesen sein mag, niemals mit dem Stalinismus als besonderer Herrschaftsform auseinander gesetzt haben, die eben weit mehr als eine konventionelle Diktatur gewesen ist. Ganz besonders zählen die Beiträge der trotzkistischen Intellektuellen dazu, die sich immer etwas Besonderes darauf einbildeten gegen Stalin gewesen zu sein, allerdings um den Preis die Gräueltaten ihrer Idole Lenin und Trotzki zwischen 1917 und 1926 bedenkenlos zu rechtfertigen. Man darf dabei nicht vergessen, dass der stalinistische Terror spätestens seit 1929 einer breiten Öffentlichkeit weltweit bekannt war und es viele, verschiedene Stimmen gab, die das Grauen thematisierten. Aber Bücher wie Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von 1951, Arthur Koestlers „Sonnenfinsternis“ von 1940 oder George Orwells „Mein Katalonien“ von 1938 wurden schon bei ihrem Erscheinen als antikommunistische Literatur denunziert, damit deren Inhalt erst gar nicht zur Kenntnis genommen werden musste. Die Ära der stalinistischen Herrschaft, ihrer Massenmorde, ihres Terrors und ihrer totalitären antidemokratischen Kultur wurde als eine Art Betriebsunfall einer ansonsten untadeligen Idee rezipiert, die man durch ein paar Nachbesserungen auf ideologischem Gebiet für die nächste Etappe fit machen konnte. Es zeigt sich heute, dass die Unfähigkeit den Stalinismus als direktes Ergebnis kommunistischer Machtlogik zu analysieren auch jenen Kräften heute noch nachhängt, die sich für völlig frei von kommunistischen Ideen halten, etwa den ProtagonistInnen der „Political Correctness“. Aber wenn man weiß, dass der Begriff Political Correctness eine Geschichte in der Moskau-treuen Kommunistischen Partei Kaliforniens hat, die den Begriff als Lob des linientreuen Mitglieds verstand, wundert einen auch das nicht mehr.[11] Oder wie es Doris Lessing 1992 formulierte: „Political Correctness is the natural continuum of the party line. What we are seeing once again is a self appointed group of vigilantes imposing their views on others. It is a heritage of communism, but they don’t seem to see this.”[12]
Marx und Engels sind nicht verantwortlich für den sowjetischen Staatsterror, aber ihr messianisches Vertrauen in das Gelingen der proletarischen Weltrevolution bereitete die stalinistische Überzeugung vor, dass Geschichte Gesetzen folgte, die unausweichlich in die Richtung kommunistischer Umwälzungen führen würden. Die schon bei Marx und Engels vorhandene Unterschätzung kapitalistischer Reproduktionsmechanismen, vor der Marxisten wie Louis Althusser in den 60er und 70er Jahren warnten rächte sich im Nachhinein bitter, weil die Überzeugung, dass die verhasste kapitalistische Gesellschaft unaufhaltsam ihren eigenen Tod selbst herbei führen würde bei KommunistInnen, TrotzkistInnen, aber auch vielen SozialdemokratInnen und autonomen Linken, die KommunistInnen prinzipiell misstrauisch gegenüberstehen, ungebrochen ist. Die politischen Kämpfe jener Zeit drehten sich nur selten darum, wie die menschenverachtende Brutalität des sowjetischen Terrorstaats mit den eigenen ideologischen Voraussetzungen zusammen hing, sondern mehr darum ob sich die Erfolge der Sowjetunion in den 70ern nicht auch in ein Resultat der viel gepriesenen Härte Stalins um lügen lassen konnten. KommunistInnen haben – anders als Nazis den Holocaust – niemals das Ausmaß der stalinistischen Terrorpolitik geleugnet, sondern diese Gewalt stets als „notwendige“ Begleiterscheinungen zum Aufbau des Sozialismus verharmlost. Obwohl es häufig behauptet wird, ging es niemals um eine Ablehnung politischer Gewalt an sich, sondern nur darum die „richtige“ politische Gewalt zu identifizieren. Die KommunistInnen, die ich kennen gelernt habe haben sich damit zufrieden gegeben niemals genauer hin zu sehen, eine Kritik daran immer für anti-kommunistische Propaganda zu halten und sich erbittert dagegen zu wehren den Stalinismus als logische Fortsetzung des Leninismus zu betrachten. KommunistInnen, wo immer sie zur Macht kamen, haben staatliche Repressionsapparate übernommen und diese stets ausgebaut, nicht verringert. Demokratie, wo sie zuvor überhaupt existierte wurde stets ausgeschaltet, um die Repression zu verstärken und nicht um sie abzuschaffen. Es gibt kein historisches Beispiel, dass eine von marxistischen Prinzipien getragene Revolution den Terror des ancien regime abgeschafft hätte, ohne ihn durch einen schlimmeren zu ersetzen. Das Beispiel der iranischen Revolution demonstriert, dass auch KommunistInnen Opfer eines revolutionären Ereignisses werden können, ohne irgendetwas daraus zu lernen. Hauptsache Revolution, Hauptsache Ausnahmezustand. Der Furor der heute von „Political Correctness“ und „Critical Whiteness“ ausgeht, wenn es um Fragen der Meinungsfreiheit und der richtigen Sprache geht, atmet ebenfalls diesen Geist stalinistischer Intoleranz und terroristischen Kontrollzwangs. Der Herrschaftsanspruch totalitärer Regime geht immer weit über die Ausübung von Herrschaft selbst hinaus. Die Manipulation von Sprache soll dafür sorgen, dass die öffentliche Propaganda zur privaten Realität wird. Stalinistische Schergen hatten in den Jahren des Großen Terrors Quoten zu erfüllen, und so viele Geständnisse mit komplett erfundenen Vorwürfen heraus zu prügeln wie sie konnten. Die totalitäre Herrschaft wollte ihre Opfer dazu zwingen ihrer eigenen Unterwerfung unter ein Folter und Geständnisregime zuzustimmen und sie so nicht nur politisch sondern auch als Menschen zu brechen.[13] Dass es praktisch keinen ernsthaften Widerstand gegen die Alleinherrschaft Stalins in der Sowjetunion gegeben hat, lässt außerdem darauf schließen, dass der Terror nicht bloß ein Instrument seiner eigenen Herrschaftssicherung war, sondern dass die von Stalin kontrollierten Eliten selbst ein eigenständiges Interesse an dessen Aufrechterhaltung hatten. Der Stalinismus war nicht bloß die Herrschaft eines Diktators, sondern die Herrschaft der Kommunistischen Partei selbst, die sich bereitwillig den Launen und paranoiden Phantasien des Großen Führers unterwarf, obwohl (oder auch gerade weil) dessen Entscheidungen kurzsichtig, selbstzerstörerisch und für alle Bereiche der Gesellschaft desaströs waren und katastrophale Folgen für die sowjetischen Bevölkerungen hatten. Die weltweite Bereitschaft kommunistischer Parteien stalinistische Verbrechen und Propaganda zu akzeptieren zeigt darum, dass die Verantwortung für diese Taten nicht allein dem Großen Führer angelastet werden kann. Der Mangel an Verantwortung den KommunistInnen an den Tag legen versucht jedoch genau diese Selbstkritik zu vermeiden. Wie Leute letztlich reagieren, die den Schwierigkeiten und Untiefen der eigenen Geschichte konsequent aus dem Weg gehen, sieht man an den fürchterlichen Zuständen in der islamischen Welt und ihrem Antlitz in Gestalt des islamischen Terrorismus. Für uns als ZeitgenossInnen sollte dies eine Warnung sein, dass die Verdrängung der Geschichte unbewältigter und unbearbeiteter Massenmorde sich immer fürchterlich rächt.
4.
Das sensibelste Thema von allen ist jedoch die Rolle Stalins für den Verlauf des Zweiten Weltkriegs. Es ist unzweifelhaft wahr, dass KommunistInnen oft die einzigen waren, die gegen den Nazifaschismus Widerstand leisteten. In Österreich etwa sind KommunistInnen die einzige organisierte Kraft gewesen, die das Nazi Regime aus dem Untergrund bekämpfte. Die Sozialdemokratie hatte im März 1938 jeden Widerstand offiziell per Beschluss des Parteivorstands aufgegeben und wartete geduldig auf die Befreiung durch die Alliierten. Trotzdem haben auch viele sozialdemokratische AktivistInnen Beiträge zum Widerstand geleistet, ebenso wie katholische Priester und Nonnen, monarchistische Konservative oder ZeugInnen Jehovas. Den bewundernswerten Mut kommunistischer PartisanInnen und jüdischer WiderstandskämpferInnen in ganz Europa hat zum Beispiel Ingrid Strobl in „Sag nie, du gehst den letzten Weg“ nach gezeichnet.[14]
Es ist jedoch höchst bemerkenswert und gleichzeitig nicht verwunderlich, dass Baier und Muhri in ihren beiden ansonsten sehr lesenswerten Texten im Band „Stalin und wir“ zwar vorbehaltlos den Stalinismus und seine Schrecken kritisieren, aber es tatsächlich beide schaffen kein einziges Mal die als Molotow-Ribbentrop Pakt bekannt gewordene Kollaboration Stalins mit Hitler zu erwähnen. Stattdessen schreibt Walter Baier bloß: „Die Menschen der Sowjetunion leisteten den militärisch ausschlaggebenden Beitrag zur Niederringung des Faschismus.“ Und Franz Muhri listet seine Bemühungen auf Namen und Schicksale zu erfahren, die österreichische KommunistInnen betreffen, soweit sie an die Nazis ausgeliefert und verhaftet, gefoltert oder ermordet wurden, aber auch er erwähnt den Pakt mit keinem Wort. Der Schock, den das Molotow-Ribbentrop Abkommen bei den isolierten kommunistischen WiderstandskämpferInnen damals ausgelöst haben muss, kann man sich heute wahrscheinlich nicht mehr vorstellen. Weltweit entfremdete dieser Schritt Stalins Linke und KommunistInnen von der Sowjetunion wie etwa den österreichischen Schriftsteller Manes Sperber, aber weit mehr plapperten bedenkenlos die Propaganda aus Moskau nach. (In den USA zum Beispiel gehörten Pete Seeger und Dalton Trumbo zu den wortreichsten Verteidigern des Nichtangriffspakts.) Der Mythos, dass Stalin den Nazi Faschismus in Großen Vaterländischen Krieg besiegt hätte, und den Pakt mit Hitler bloß deshalb einging um sich Zeit zu verschaffen hält sich hartnäckig. Dies anhand historischer Fakten in Frage zu stellen löst unfassbare Aggressionen und Abwehrreaktionen aus, die wie eine schwerwiegende Immunreaktion auch den Autor dieser Zeilen mit unvermittelter Wucht getroffen haben. Zunächst die historischen Fakten: 1939 schlossen Hitler und Stalin einen Nichtangriffspakt, der den Zweiten Weltkrieg in Gang setzte und mit der Aufteilung Polens begann. Während Hitlers Interesse daran recht nachvollziehbar erscheint, verhält es sich bei Stalin nicht so eindeutig. Hitler und Stalin war aus verschiedenen Gründen die Staatlichkeit Polens ein Dorn im Auge: Hitler, weil er die polnischen Juden und Stalin weil er die nationale polnische Intelligenzija auslöschen wollte. Bereits vor 1939 befahl Stalin die Ermordung von zumindest 12.000 polnischen Kommunisten in der Sowjetunion, weil er sie verdächtige die polnische Eigenstaatlichkeit zu unterstützen.[15] Nach dem erfolgreichen Überfall auf Polen trafen sich Wehrmacht und Rote Armee in Brest-Litowsk um eine gemeinsame Militärparade abzuhalten. Die Vereinbarungen des Nichtangriffspaktes sahen auch vor, deutsche und österreichische Kommunisten, die vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchtet waren an diese wieder auszuliefern.[16] Stalins Kalkül war wohl, dass er mit dem Pakt einen Krieg der Deutschen mit Großbritannien und Frankreich auslösen würde, in der diese sich gegenseitig aufreiben und schwächen sollten. Die Geschichte, die daran anschließend stets erzählt wurde ist die des genialen Führers, der sich Zeit verschaffte, um den Krieg gegen die faschistische Bedrohung führen zu können. Das Gegenteil ist jedoch wahr.[17] Wurde der ins Exil vertriebene Trotzki vor 1939 von der Propaganda noch als Agent der Nazis denunziert, kollaborierte Stalin danach selbst mit Hitler, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen für seine Macht und seinen Einfluss innerhalb oder außerhalb der Sowjetunion gehabt hätte. Stalin war zudem völlig überzeugt davon, dass Hitler nicht angreifen würde und richtete all seine Energien darauf bis 1941 fast die Hälfte des Offizierskorps der Roten Armee zu liquidieren, weil seine Sorge einem angeblichen oder tatsächlichen Putschversuch der Armeeführung galt.[18] Nachrichten seines eigenen Geheimdienstes, dass deutsche Truppen an der Waffenstillstandslinie aufmarschierten und offenbar eine Invasion vorbereiteten beantwortete Stalin in seiner ihm eigenen Art: er ließ die Boten erschießen. Als die Wehrmacht 1941 mit all ihrer Vernichtungskraft die Sowjetunion überfiel, war diese völlig ungeschützt. Soldaten hatten keine Gewehre oder Munition, die deutsche Lufthoheit hatte völlig freie Hand das Land nach Belieben zu bombardieren, weil Stalins Säuberung der Roten Armee den meisten Piloten das Leben gekostet hatte. Die Offiziere, die stattdessen die Posten der hingerichteten Rotarmisten übernahmen waren politische Funktionäre, die Stalin treu ergeben waren und weder militärische Erfahrung noch Kompetenz besaßen. Sie behandelten die Soldaten wie Dreck und schickten sie mit völlig ungeeigneter Bewaffnung ins deutsche Maschinengewehrfeuer. Versuchten die Rotarmisten zu fliehen oder wieder zurück in ihre Stellungen zu kommen wurden sie von den eigenen Offizieren erschossen. Stalins Überzeugung Hitler würde 1941 nicht angreifen sorgte dafür, dass die Sowjetunion mit über 25 Millionen Toten den höchsten Preis in diesem Krieg bezahlen musste. Die Tatsache, dass vor allem in den ersten beiden Kriegsjahren deswegen so viele sterben mussten, weil der große Führer unfähig und inkompetent gewesen ist und er trotzdem oder gerade deswegen nach dem Krieg zum Helden stilisiert wurde wird aus guten Gründen komplett verschwiegen.[19] Die kommunistischen WiderstandskämperInnen, die ihr Leben ließen wurden nach dem Ende des Großen Vaterländischen Krieges praktisch nochmals ermordet, als Stalin die Lorbeeren für den Krieg gegen Nazideutschland einsammelte nachdem er Millionen der Nazi Mordmaschine hilflos ausgeliefert und sinnlos geopfert hatte. Wie die KommunistInnen weltweit nach dem Krieg noch in der Lage gewesen sind sich selbst in den Spiegel zu schauen, nachdem sie jede Schweinerei und jede Propagandalüge mitgemacht haben ist ein Rätsel, das zu lösen meine Fähigkeiten übersteigt. Was es über den Zustand einer Kommunistischen Partei aussagt dass Stalin trotz seiner erwiesenen Unfähigkeit durch reine Brutalität regieren konnte ohne dass ihn irgendjemand daran hinderte, darüber reden die Linken, die Stalin den Sieg über Hitler andichten praktisch gar nicht. Die KommunistInnen weltweit haben diese Tatsachen verdrängt und Historiker wie Jörg Baberowski oder der mittlerweile verstorbene Robert Conquest wurden und werden diffamiert und als „rechtsextrem“ denunziert, im Falle Baberowskis durch die Agitation einer trotzkistischen Hochschulgruppe. Der opportunistische Zynismus mit dem KommunistInnen und andere Linke auch heute noch vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ reden ist jedenfalls in seiner Niederträchtigkeit und schamlosen Menschenverachtung kaum zu ertragen.
Wenn es also eine ganz prinzipielle notwendige Schlussfolgerung fast 30 Jahre nach dem Ende des realen Sozialismus und 100 Jahre nach der Oktoberrevolution gibt, dann ist es die, genau wie im Falle der Nazis und im Angedenken an ihre Millionen Opfer, den kommunistischen und stalinistischen Impulsen der Linken ein deutliches „Nie wieder“ zuzurufen. Die totalitäre Versuchung ist fruchtbar noch und als ehemaliger Kommunist ist es mir ein Anliegen darauf hinzuweisen, dass die Nazis und die Stalinisten nicht gegensätzlich, sondern Zwillinge gewesen sind. Der Unterschied der gewalttätigen Ideologien ist jedoch, dass Nazis (hoffentlich) politisch für immer als erledigt gelten können, während sich KommunistInnen dank ihrer Verdrängung und ihrer Blindheit ganz unverschämt als immun gegen die Folgen des Stalinismus wähnen. Das geisterhafte Nachleben des Stalinismus ist eine Realität, die mit dem Ende der Sowjetunion eher stärker als schwächer geworden ist. So sehr der Marxismus auch gescheitert ist, so nachhaltig unsichtbar hat sich der Stalinismus in die Selbstgewissheiten und imaginären Utopien der Linken eingearbeitet und er führt dort das Leben eines sehr lebendigen Geistes, der jener Teufel ist von dem sie glauben er existiere nicht.
5.
Wenn wir heute noch vom Kommunismus reden wollen, dann sollten wir die Geschichte des Stalinismus als eine Warnung begreifen, die sich bei entsprechender Gelegenheit jederzeit wederholen kann. Dass diese Warnung keineswegs überall angekommen ist kann man an diesem Zitat aus einem Text des österreichischen Medienpädagogen Alessandro Barberi nachvollziehen:
„De facto war der Fall der Mauer aber auch die totale konterrevolutionäre Vernichtung und strategische Niederlage des durch eineinhalb Jahrhunderte hindurch langsam organisierten weltweiten Proletariats am Ende des Kalten Krieges, der darin bestand, die russische Oktoberrevolution in konterrevolutionärer Absicht null und nichtig werden zu lassen, um damit die Schlagkraft der Proletarier*innen zu annullieren.“[20]
Die absichtlich herbei geführten Hungersnöte, die Millionen dem Hungertod preis gaben, die Schrecken der „Entkulakisierung“, die zum ökonomischen Desaster einer nachholenden Industrialisierung hinzukamen, die Terrordekrete des Jahres 1935, die die Zwangsarbeit gesetzlich verankerten, und ermöglichten, dass Kinder ab 12 Jahren hingerichtet werden konnten, all das spielt in Barberis Kommunismus Apologie keine Rolle und wird mit der menschenverachtenden Ignoranz stalinistischer Propaganda für die höhere Sache politisch korrekt entsorgt. Stalin und sein System funktionierten weil es immer auf solche UnterstützerInnen zählen konnte, die Kritik an dieser Unmenschlichkeit als „anti-kommunistisch“ denunzierten und ihren Hass auf die Unabhängigkeit des menschlichen Geistes als revolutionäres Pathos auslebten. Barberi demonstriert das beharrliche Fortleben des Stalinismus als politisch korrekte Relativierung seiner Verbrechen, die mit der Attitüde moralischer Überlegenheit humanistisch die Unmenschlichkeit sozialistischer und kommunistischer Herrschaft mit einem höhnischen Lächeln bestätigt. Bei ihm stimmt alles: jeder * bei den gegenderten Mehrzahlwörtern, die anti-sexistische Disposition samt LGBT Lizenz, der Zitatpop aus PC Plattitüden und klassisch halb gebildeter Intellektuellenfeindlichkeit und seine Vermeidung von klassischen Marxismen und orthodoxen Haupt/Nebenwiderspruchs-Theoremen. Trotzdem schreibt er Sätze hin wie: „Der westliche Sozial- und Wohlfahrtsstaat wurde auch durch die von Trotzki aufgebaute Roten Armee mit Millionen Toten – 27.000.000 davon „jüdische Bolschewiken“ in Russland, die vom „Blitzkrieg“ der Nationalsozialisten ermordet wurden – erkämpft. So muss auch die Entscheidungsschlacht des 20. Jahrhunderts in Stalingrad als eine antifaschistische Leistung der russischen Revolution in Erinnerung bleiben.“[21] Es ist kein Zufall, dass diese neostalinistische Beleidigung des Intellekts auch ohne großes Aufheben einen aggressiven Antisemiten wie Domenico Losurdo zustimmend zitiert (oder auch Alain Badiou) und keinen einzigen Gedanken an den Antisemitismus Stalins verschwendet, wenn er sich „27.000.000 ‚jüdische Bolschewiken‘“ ausdenkt. Übrigens erwähnt auch Barberi den Hitler-Stalin Pakt kein einziges Mal. Der Kommunismus Begriff der Linken ist Projektion, der seine eigene Gewalttätigkeit verdrängt und der Stalinismus ist die dazu passende ideologische Maske, die Massenmorde begeht, während sie moralisch überlegen lächelnd vom „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ faselt. Dass der Zusammenbruch des realen Sozialismus dazu gedient haben soll, „die Schlagkraft der Proletarier*innen zu annullieren“ ist eine nachträgliche zweite Ermordung der vom Stalinismus in die Hölle des GULags geschleuderten gequälten Leiber. Die zynischen Plattitüden projizieren den sadistischen Impuls der postmodernen Correctness Menschenfeindlichkeit auf die Geschichte des stalinistischen Grauens, indem sie den Opfern nachträglich noch das Geständnis aufoktroyieren, dass sie ihrer eigenen Demütigung und Degradierung zustimmen müssen. Barberi ist kein Kommunist, noch gehorcht er einer anderen linksradikalen Autorität, er ist ein völlig im Postmodernen aufgegangener Linker, antiautoritär, antisexistisch und antiintellektuell, wie er nur in den entwickelten und reichen Zentren kapitalistischer Metropolen existieren kann.
Sein Text ist typisch für einen postmodern inspirierten PC Marxismus, der „Critical Whiteness“ unterstützt und Stalin anscheinend für den missverstandenen Helden des antikapitalistischen Befreiungskampfes hält. Seine Prosa ist voller Überheblichkeit und Anmaßung, die eine intellektuellenfeindliche Intellektualisierung des Unmenschlichen vollständig internalisiert hat, aber genau das für den Ausdruck von „Humanismus“ hält. Barberis Text zeigt nachdrücklich, dass Stalinismus die absichtliche und bewusste Verwechslung der Wirklichkeit mit der eigenen Projektion ist. Der Wille zur Macht ist hier Wille zur Falschheit und Lüge, die metaphysische Dimensionen annimmt. Es muss einfach so sein, egal wie viele zur Aufrechterhaltung der Illusion krepieren müssen.
Wie also muss die Warnung verstanden werden, damit sie ihre Wirkung entfalten kann? Um wieder über den Kommunismus sprechen zu können, ist eine Ethik des Nicht-Identischen erforderlich, die die Warnung des Stalinismus so ernst nimmt, dass sie als intellektuelle Position ihre eigene Begrenztheit erfahren kann. Statt der Projektion anheim zu fallen, die das Gewaltförmige ins Verdrängte abspaltet, sollte der Kommunismus die selbstkritische Reflexion der eigenen Verstricktheit im Netz der Konvergenz sein, die nicht richtiges Leben im Falschen sucht, sondern die „Lücke im Vertrag“ (Adorno/Horkheimer) aufzuspüren in der Lage ist mit der die stalinistischen Projektionen erfolgreich abgewehrt werden können. Adorno und Horkheimer schreiben:
„Odysseus versucht nicht einen anderen Weg zu fahren als den an der Sireneninsel vorbei. Er versucht auch nicht, etwa auf die Überlegenheit seines Wissens zu pochen und frei den Versucherinnen zuzuhören, wähnend, seine Freiheit genüge als Schutz. Er macht sich ganz klein, das Schiff nimmt seinen vorbestimmten, fatalen Kurs und er realisiert, daß er, wie sehr auch bewußt von Natur distanziert, als Hörender ihr verfallen bleibt.“[22]
Als PostkommunistInnen sind wir dazu aufgefordert die Warnung vor dem Sirenengesang des Stalinismus eingedenk seiner Millionen Opfer immer wieder zu wiederholen und darauf zu bestehen, dass wir ihm als „Hörende“ stets verfallen sein werden. Zudem ist uns wohl die Bürde auferlegt worden einer geschichtslosen Linken vor Augen zu halten, dass es ihre Projektionen über den „humanistischen Charakter der kommunistischen Ideen und Ziele“ gewesen sind, die den GULag mit InsassInnen versorgten.
Der Althusser Schüler Etienne Balibar, ein großartiger Philosoph und ein widerlicher Antizionist zugleich, hat wie schon sein Lehrer ein großartiges Gespür für die Untiefen der stalinistischen Versuchung. In einem Text zum Gedenken an Nicos Poulantzas arbeitet er nicht nur heraus, dass Poulantzas richtig erkannte, dass bei Marx die unvollständige Analyse der Funktion des Staatsapparates einen wesentlichen Beitrag zur Stalinisierung der Sowjetunion geleistet hat, sondern auch dass „die Idee eines Kommunismus von Außen jeden Bezug zur Wirklichkeit verloren hat (…).“[23] Sein Vorschlag einen Ort des Nachdenkens über den Kommunismus in einer Dialektik zu suchen, die „nicht außerhalb des Staates“ gefunden werden kann, sondern den KommunistInnen die Aufgabe stellt „unsichtbar“ im Inneren der Dialektik selbst zu existieren, ist in seiner Originalität Kennzeichen dafür, dass die Warnung bei manchen doch angekommen ist, wenn auch unvollständig und kryptisch.
Balibar: „Heute sind Poulantzas und andere nicht mehr da. Aber die kommunistischen Staatsbürger, die staatsbürgerlichen Kommunisten oder die Kommunisten der Staatsbürgerschaft sind immer noch da. »Unsichtbar«, weil sie weder Armee, noch Lager, Partei oder Kirche haben. Es ist ihre Art zu existieren.“[24]
So soll es sein.
[1] DeBris: Sich unregierbar machen (https://jungle.world/artikel/2017/39/sich-unregierbar-machen)
[2] Wimmer: Die falsche Suche nach Unmittelbarkeit (https://jungle.world/artikel/2017/40/die-falsche-suche-nach-der-unmittelbarkeit)
[3] Althusser et al.: Das Kapital lesen (1966)
[4] Baier, Muhri: Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer (2001)
[5] Ebd.
[6] Siehe Althusser: Antwort an John Lewis (1972)
[7] In Althusser: Die Zukunft hat Zeit. Die Tatsachen (1992) berichtet er freimütig wie er ihr hämisch von seinen sexuellen Eskapaden erzählte und sie sich die Ohren zuhielt, weil sie es nicht ertrug ihm zuzuhören. Seine Ehrlichkeit macht seine Boshaftigkeit nur noch widerlicher.
[8] Amis: Koba the Dread (2002)
[9] Siehe Foucault: Vorlesung vom 17.März 1976 (http://homepage.univie.ac.at/herbert.gottweis/WiSe2005/Se_BioPolWiSe2005/Foucault-%20Vorlesung%20zu%20Biomacht.pdf)
[10] Conquest: The Great Terror (1968)
[11] Berman (Edit.): Debating PC (1992)
[12] Lessing: On Censorship (1992) zit. nach Hughes: Political Correctness – A History of Semantics and Culture (2010)
[13] Conquest: The Great Terror (1968)
[14] Strobl: Sag nie, du gehst den letzten Weg. Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung (1989)
[15] Snyder: Black Earth (2015)
[16] Baier, Muhri: Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer (2001)
[17] Siehe Baberowski: Verbrannte Erde (2012) und Amis: Koba the Dread (2002)
[18] Amis: Koba the Dread (2002)
[19] Conquest: Stalin. Breaker of Nations (1991)
[20] Barberi: Vom Klassenkampf. Zur Wiederkehr des historischen Materialismus (https://journals.univie.ac.at/index.php/mp/article/view/mi1049/6313)
[21] Ebd.
[22] Adorno, Horkheimer: Dialektik der Aufklärung (1969)
[23] Balibar: Kommunismus und (Staats-)Bürgerschaft in: Demirovic, Adolphs, Karakayali: Das Staatsverständnis von Nicos Poulantzas (2010)
[24] Ebd.